Das Nein, das Ja gesagt hat
Es gibt Menschen, die können Nein sagen.
Ich bewundere diese Menschen.
Sie sagen Dinge wie:
„Nein, das schaffe ich diese Woche nicht.“
Einfach so.
Kein „Leider“.
Kein „Eigentlich“.
Kein „Ich würde ja wirklich gerne, aber …“
Nur:
Nein.
Ich kann das nicht besonders gut.
Ich sage eher:
„Ja, klar.“
Und denke:
Auf gar keinen Fall.
Neulich war es wieder so weit.
Eine Nachricht.
„Könntest du vielleicht noch …?“
Ich las sie.
Ich wusste sofort: Eigentlich habe ich keine Zeit.
Und wenn ich ganz ehrlich bin: Ich hatte auch keine Lust.
Trotzdem tippte ich:
„Ja, klar 😊“
Abgeschickt.
Drei Sekunden später war dieses Gefühl da.
So ein kleines inneres:
Warum hast du das jetzt gemacht?
Ich beschloss, der Sache nachzugehen.
Also setzte ich mich mit meinem Unterbewusstsein an einen imaginären Tisch.
Es sah nicht besonders beeindruckt aus.
Das Gespräch
Ich: Warum habe ich gerade Ja gesagt?
Unterbewusstsein: Weil du nicht Nein sagen wolltest.
Ich: Das ist mir schon klar. Aber warum?
Unterbewusstsein: Weil du Angst hattest, dass der andere enttäuscht sein könnte.
Ich: Und?
Unterbewusstsein: Dass er dann vielleicht schlecht über dich denkt.
Ich: Aber ich kann doch nicht jedes Mal Ja sagen, nur damit jemand mich mag.
Unterbewusstsein: Kannst du schon.
Ich: Das war jetzt nicht hilfreich.
Unterbewusstsein: Du hast mich gefragt. Nicht um Rat gebeten.
Touché.
Ich lehnte mich zurück.
Ich: Also habe ich Angst, nicht gemocht zu werden?
Unterbewusstsein: Nicht unbedingt.
Ich: Was dann?
Unterbewusstsein: Du möchtest ein guter Mensch sein.
Ich: Das klingt doch erstmal ganz vernünftig.
Unterbewusstsein: Ist es auch.
Ich: Wo ist dann das Problem?
Unterbewusstsein: Du verwechselst manchmal „ein guter Mensch sein“ mit „es allen recht machen“.
Stille.
Das saß.
Denn plötzlich wurde aus einem kleinen „Ja, klar“ eine ziemlich große Sache.
Wie oft sage ich Ja, obwohl ich Nein meine?
Wie oft helfe ich, obwohl ich eigentlich keine Kraft habe?
Wie oft sage ich „Kein Problem“, obwohl es sehr wohl ein Problem ist?
Und wie oft ärgere ich mich anschließend darüber, dass andere meine Grenzen nicht respektieren?
Vielleicht liegt es manchmal gar nicht daran, dass die anderen meine Grenzen nicht respektieren.
Vielleicht haben sie sie einfach nicht gesehen.
Weil ich sie selbst nicht gezeigt habe.
Die Frage, die bleibt
Vielleicht müssen wir gar nicht sofort lernen, besser Nein zu sagen.
Vielleicht reicht zunächst eine andere Frage:
Was würde ich antworten, wenn ich keine Angst davor hätte, was der andere von mir denkt?
Nur einmal.
Nicht immer.
Nur beim nächsten Mal.
Und dann schauen, was passiert.