Ich mache es morgen

Ich wollte diesen Text eigentlich gestern schreiben.

Oder vorgestern.

Genau genommen wollte ich ihn sogar letzte Woche schreiben.

Aber dann war plötzlich so viel anderes zu tun.

Die Spülmaschine.

Eine E-Mail.

Die eine E-Mail, die eigentlich nur zwei Sätze gebraucht hätte, für die ich aber ungefähr 45 Minuten recherchiert habe.

Dann war es 22.30 Uhr.

Und um diese Uhrzeit kann man wirklich keine wichtigen Texte mehr schreiben.

Also:

morgen.

Morgen ist ein guter Tag.

Morgen bin ich ausgeschlafen.

Morgen habe ich den Kopf frei.

Morgen wird es leichter.

Ich kenne dieses Morgen ziemlich gut.

Also habe ich mein Unterbewusstsein gefragt.

Das Gespräch

Ich: Warum verschiebst du eigentlich ständig Dinge?

Unterbewusstsein: Welche Dinge?

Ich: Na ja. Dinge, die mir wichtig sind.

Unterbewusstsein: Ach die.

Ich: Ja, genau die.

Unterbewusstsein: Weil du nicht weißt, wie sie ausgehen.

Ich: Das kann doch nicht der Grund sein, warum ich meine Steuererklärung nicht mache.

Unterbewusstsein: Nein.

Ich: Siehst du.

Unterbewusstsein: Bei der Steuererklärung geht es eher darum, dass sie langweilig ist.

Ich: Danke.

Unterbewusstsein: Gern.

Ich versuchte es noch einmal.

Ich: Warum schiebe ich Dinge auf, die mir eigentlich wichtig sind?

Unterbewusstsein: Weil sie dir wichtig sind.

Ich: Das ergibt keinen Sinn.

Unterbewusstsein: Doch.

Wenn dir etwas egal ist, kannst du es einfach machen.

Wenn es dir wichtig ist, kann es etwas bedeuten.

Und wenn es etwas bedeutet, kannst du scheitern.

Oder dich blamieren.

Oder merken, dass du es vielleicht doch nicht kannst.

Oder dass es gar nicht so wird, wie du es dir vorgestellt hast.

Ich: Also ist Aufschieben manchmal Angst?

Unterbewusstsein: Manchmal.

Ich: Und was ist es heute?

Unterbewusstsein: Heute ist es 22.30 Uhr und du hast keine Lust mehr.

Fair enough.

Vielleicht ist Aufschieben deshalb manchmal so schwer zu durchschauen.

Weil wir nicht nur Dinge verschieben.

Wir verschieben das Gefühl, das mit ihnen verbunden ist.

Die Bewerbung.

Das Gespräch.

Die Entscheidung.

Das erste Kapitel.

Den Anruf.

Den Schritt, von dem wir schon lange wissen, dass wir ihn eigentlich gehen möchten.

„Morgen“ ist dann ein erstaunlich gemütlicher Ort.

Dort muss noch nichts entschieden werden.

Dort kann alles noch möglich sein.

Morgen kann ich anfangen.

Morgen kann ich mutig sein.

Morgen kann ich Nein sagen.

Morgen kann ich mich bewerben.

Morgen kann ich endlich …

Und dann kommt morgen.

Und wird heute.

Und plötzlich brauchen wir wieder ein neues Morgen.

Die Frage, die bleibt

Vielleicht lohnt es sich beim nächsten Aufschieben, nicht zu fragen:

„Warum bin ich so undiszipliniert?“

Sondern:

„Was müsste ich gerade fühlen, wenn ich es wirklich tun würde?“

Vielleicht ist die Antwort Langeweile.

Vielleicht Angst.

Vielleicht Überforderung.

Vielleicht einfach Müdigkeit.

Und vielleicht ist es manchmal auch nur das, was es eben ist:

Eine Spülmaschine.

Unterbewusstsein, eine letzte Frage …

Ich: Also soll ich jetzt alles sofort erledigen?

Unterbewusstsein: Nein.

Ich: Was dann?

Unterbewusstsein: Such dir eine Sache aus.

Ich: Und dann?

Unterbewusstsein: Mach sie.

Ich: Heute?

Unterbewusstsein: Du bist wirklich anstrengend.

Ich glaube, wir lassen es für heute dabei.

Und den Rest mache ich morgen.

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Das Nein, das Ja gesagt hat